Worthing:Julia Rottkord
Besucht uns auf:

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem meine Reise begann. Ich stand am Hannoveraner Flughafen und verabschiedete mich von meinen Eltern. Mein allererster Flug und danach knapp vier Monate im Land meiner Träume lagen vor mir.

Es sollte an die Südküste Englands gehen, nach Worthing, das mit dem Zug ca. 20 Minuten vom Ort Brighton entfernt ist.

Hier sollte ich bei einer Gastfamilie wohnen, mit der ich bisher erst einmal telefoniert hatte, eine Schule besuchen, neue Leute kennen lernen.

Natürlich war ich aufgeregt und neugierig als es endlich losging, doch ich fühlte mich auch unsicher- hatte ich die richtige Entscheidung getroffen? War es wirklich klug, ins Ungewisse zu fahren, wo ich mir alles neu aufbauen müsste? Und was war mit den Freunden zu Hause? Würde ich nicht viel zu viel verpassen? Oder in der Schule den Anschluss verlieren?

 

In der ersten Woche in England hatte ich sofort unheimlich viele Eindrücke zu verarbeiten, ein Zustand, der im Grunde den ganzen Term nicht nachließ.

Ich lernte zuerst meine Gastfamilie kennen, vier umgängliche, gemütliche Menschen, und dann hatte ich auch schon meinen ersten Schultag im Worthing Sixth Form College. Während der ersten beiden Wochen fand noch kein regulärer Unterricht statt, sondern eine Art Einführung für uns „international students“, die aus allen Ecken und Enden der Welt gekommen waren.

Hier lernte ich Jugendliche aus Deutschland, China und Brasilien kennen, die wie ich ganz am Anfang standen und für die alles genau so aufregend und neu war.

Nach dieser „Schonfrist“ ging es dann richtig los: bei mir standen Mathe, Biologie, Politik, Spanisch und IELTs (englisch für die ausländischen Schüler) auf dem Stundenplan. In Biologie hatte ich durch das nicht vorhandene Fachvokabular einige Probleme, aber meine Sitznachbarin war nett und so hatte ich dennoch immer viel Spaß.

Mein liebstes Fach war Politik, wo ich bei einem sehr netten Lehrer die unglaublichsten Sachen lernte.

Mit der Zeit lebte ich mich immer mehr ein und lernte immer mehr über die Sprache, über das Land, meine Umgebung und auch über mich selbst.

Gemeinsam mit Freunden war ich jeden Tag unterwegs, wobei wir immer wieder neue interessante Menschen kennen lernten und auch einige Freundschaften entstanden, die bis heute existieren. Ich erlebte die unglaublichsten Geschichten- schöne und traurige, lustige und seltsame- so dass ich kaum weiß, wie ich von all dem berichten soll.

Unter anderem fuhr ich mit einer Freundin in den Half-Term Ferien per Bus für drei Tage nach York, verkleidete mich zu Halloween oder schwamm bei eisigen Temperaturen im verdreckten Meer. Wir schauten uns auch London und Brighton an.

Während der gesamten Zeit hielt ich per Mail und Telefon Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden zu Hause, die über meine Abenteuer nur staunen konnten.

 

Dann nach einer viel zu kurzen Zeit, die mir eher vorkam wie vier Wochen als vier Monate, kam der Tag, an dem ich mich von all dem Verabschieden musste- meinen neuen Freunden, meiner Gastfamilie und von dieser Stadt, in die ich nur wenige Monate zuvor als Fremde gekommen war, und die inzwischen zu einem zweiten Zuhause für mich geworden war.

Obwohl ich sehr traurig war, wusste ich, dass es kein Abschied für immer sein würde.

 

Von den Sorgen, die mich noch beim Abflug plagten, stellte sich keine als begründet heraus. Natürlich war es vor allem zu Anfang nicht immer leicht, so weit weg zu sein von zu Hause, doch gleichzeitig prägt einen dieser Umstand.

Auch wenn ich anderen früher nie geglaubt habe, wenn sie erzählt haben, dass ein Auslandsaufenthalt eine solche Wirkung auf sie gehabt hätte: Durch die Erfahrungen in England bin ich zu einem selbstständigeren, selbstbewussteren, aufgeschlosseneren und erwachseneren Menschen geworden.

Ich weiß, dass ich es zur Not auch alleine schaffen kann, dass ich überall nette Leute treffen kann und dass ich bei allen gut ankomme, wenn ich nur ich selbst bin.

 

Auch mit der Schule hatte ich nach meiner Rückkehr keine Probleme. Eine Freundin hatte während der ganzen Zeit alle Materialien für mich gesammelt, doch ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht all zu viel Zeit darauf verwendete, mir alles anzuschauen.

Viel schwieriger als der verpasste Schulstoff, der sich bis heute eigentlich nicht bemerkbar gemacht hat, war es, sich wieder einzugewöhnen. Natürlich hatte sich in der kurzen Zeit nicht viel verändert, aber die Akklimatisierung zu Hause war für mich fast schwieriger als die Anfangszeit in England.

 

Der Tag, an dem meine Reise begann ist jetzt ziemlich genau zwei Jahre her, und ich denke immer noch oft an die schöne Zeit zurück. Besonders wenn ich bestimmte Lieder höre, die mich an damals erinnern, sehe ich alles wieder genau vor mir, als wäre es gestern gewesen.

In den letzten Sommerferien fuhr ich für zwei Wochen nach Worthing. Natürlich war es nicht das Selbe wie damals, aber es stellte sich sofort ein Heimatgefühl ein. Ich plane auch, nach dem Abitur noch mal hinzufahren, vielleicht wieder für einen längeren Zeitraum.